• Ulla König – Meine besondere Reise nach Indien<br>

    Ulla König – Meine besondere Reise nach Indien

     

    Indien – Ein Reisetagebuch

     

    Bodh Gaya – eine Flut an Eindrücken für die Sinne – Teil 3

     

    Da ist der irrsinnige Verkehr mir seinen Taxifahrern, Radfahrern, bunten Lastwagen, Schulbussen, Rikschas und todesmutigen Fußgängern. Ein unmögliches Gewirr an Formen und Farben. Immer wieder ein Schreckmoment, das Gefühl, dass es dieses Mal unmöglich reichen kann. Und dann tut sich nach viel Hupen und Hoffen plötzlich doch wieder eine Lücke auf, und das Leben geht weiter. Was bleibt ist ein pochendes Herz.
    Bodh Gaya, statt in der gelebt und gelitten wird. Ein Toter wird begleitet  vom Dröhnen der Trommeln über den Markt getragen. Der Chaiverkäufer in dritter Generation erzählt uns von den Schwierigkeiten seines kleinen Geschäfts. Und überall herrscht eine für unsere wesentlichen Verhältnisse ungekannte Armut. Leben in Slums und Baracken, gemeinsam mit Ziegen, Kühen, Schweinen. Leben zwischen Abwassertümpeln und Müll. Kinder überall. Die Kleider sind farbenfroh, die Augen hungrig. Die Luft ist stickig von Staub und Abgasen. Die Touristen tragen einen Atemschutz. Die Einheimischen leben und arbeiten Mitten drin.
    Bodh Gaya, Stadt der Pilger. Buddhistische Mönche und Nonnen in ihren orangen und roten Roben. Flüchtlinge aus Tibet. Sie alle streben zum Bodhi Baum, dem Baum unter dem der Buddha seine erleuchtende Einsicht gehabt haben soll.reise-ansichten Bodhgaya MahabodhiVerschiedene Traditionen treffen aufeinander, teilweise tausende von Kilometern weit angereist.
    Eine Reise, die für so manchen Ausdruck tiefen Glaubens und großer Verehrung ist. Jeder bringt sie auf seine Weise zum Ausdruck, in mitten aller anderer. Zwischen jahrtausende alten Ruinen singt, meditiert und praktiziert eine bunte Schar, die vielfältiger nicht sein könnte. Ein Ort des Gleichmuts und des Friedens.

     

    Abreise… 28.01.2019 von Reutlingen nach Indien – Teil 2

     

    Gestern bin ich noch mit einer Gruppe Teilnehmer achtsam über die schwäbische Alb gewandert. Das Knirschen des Schnees unter den Sohlen, Sonne im Gesicht und herrliche Stille um uns.
    Nur wenige Tage später werde ich in Delhi sein. Indiens Hauptstadt mit fast 11 Millionen Einwohnern. Im Februar hat es dort um die 23 Grad. Größer könnte der Kontrast kaum sein.
    Und doch habe ich manchmal den Eindruck, dass wir bis zum Mond reisen könnten und würden doch stets das Gefühl haben, dass uns das Vertraute nicht ganz loslässt.
    Unser Geist, mit seinen Gewohnheiten und Ansichten, mit seinen Vorlieben und Glaubenssätzen, er lässt sich auch durch einen Flug von über 7000 km nicht abhängen. Ich vermute, er wird sich reiben an der ungewohnten Umgebung, an den fremdem Gepflogenheiten und den vielen Sinneseindrücken. Es wird eine Herausforderung zu sein all das Vertraute, dass Sicherheit gibt, zurück zu lassen.
    Genau darin vermute ich auch eine Chance für die ein oder andere Überraschung: sich eine Zeit lang frei machen, von all den Dingen, die wir zu brauchen glauben. Wie leben andere? Was kann ich lernen, verstehen, bestaunen? Was darf ich loslassen, was kann ich annehmen?
    Der Besuch in einem fremden Land, einer fremdem Kultur – für mich eine wertvolle Gelegenheit, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen, wie es im Alltagsleben in dieser Intensität vielleicht nicht immer möglich ist.
    Und obwohl der Rucksack mit seinen 11 Kilo am Ende der Reise noch genauso schwer sein wird, bleibt vielleicht doch einiges an Ballast zurück.

     

     

     

     

    Die Vorbereitungen – Teil 1

    Indien. Ein Land, das ich lediglich aus Filmen, Reiseführern und abenteuerlichen Geschichten anderer kenne. Teils verheißenes Land der spirituellen Suche, teils Land unbeschreiblicher Armut, harschen patriarchalischen Strukturen und gravierender Umweltzerstörung. Ich habe Berichte gehört über den unglaublichen Lärm und Gestank, die bunte Vielfalt, die unbeschreibliche Lebendigkeit und die vibrierende Energie, der teilweise Jahrtausende alten Gedenkstätten.
    Indien. Ein fernes Land. Und nun habe ich ganz unerwartet die Möglichkeit erhalten dort hin zu fahren. Im Juni 2018 hat mich mein Lehrer und Mentor, Christopher Titmuss, eingeladen ihn für dreieinhalb Wochen zu begleiten. Er unterrichtet dort seit 46 Jahren jeden Frühling ein zweiwöchiges Vipassana-Meditationsretreat. Ich unterrichte mit ihm seit zwei Jahren verschiedene Seminare und Retreats in Deutschland und Europa. Indien, das ist allerdings noch einmal etwas ganz anderes.

    Vor gut acht Jahren habe ich die ersten Schritte auf meiner Suche nach spiritueller Einsicht und Weisheit gemacht: Yoga, Meditation, das Studium alter Texte. Immer mit dem Wunsch zwei Dinge zu verbinden, die aus meiner Sicht nicht voneinander zu trennen sind: die Suche nach einem profunden Glück und Einsicht in die Dynamiken menschlichen Freud und Leids auf der einen Seite, und ganz praktische Anleitungen für einen gelassenen und freudvollen Alltag in Mitten von Familie und Beruf auf der anderen. Und immer wieder verband sich diese Suche mit Indien. Indien als Wiege des Yoga, der alten vedischen Schriften und schließlich des Buddhismus, in dem ich für mich eine reiche Quelle an Inspiration und Wissen gefunden habe.
    Nach Indien zu reisen bedeutet für mich also, mich mit den Wurzeln in Kontakt zu kommen. Ich werde mit Bodh Gaya den Ort besuchen, an dem der Buddha der Geschichte nach vor 2.600 Jahren seine Erleuchtung hatte. Werde ein zweiwöchiges Schweigeretreat sitzen in Sarnath, dem Ort, an dem er seine ersten Lehrreden gehalten hat. Und werde Varanasi besuchen, eine der heiligsten Pilgerorte des Hinduismus.

     

    Aber für mich verkörpert die Reise nach Indien mehr als lediglich spirituelle Sinnsuche. Ich würde davor zurückschrecken all die Flugstunden in Kauf zu nehmen, nur um ein Meditationsseminar zu besuchen. Schließlich gibt es dafür auch in Europa zahlreiche wunderbare Gelegenheiten. Indien zu sehen, dass bedeutet für mich auch, meine europäische Seifenblase aus Wohlstand, Frieden und heiler Welt in Frage zu stellen. Die Stätten, die wir besuchen werden befinden sich in Uttar Pradesh und Bihar, den ärmsten Bundesstaaten Indiens. In manchen Regionen können lediglich 63 % der Bevölkerung lesen und schreiben und die Lebenserwartung beträgt nur 64 Jahre.

    Spirituelle Suche, das ist für mich die Entwicklung von Körper, Herz und Geist. Das darf meiner Ansicht aber kein Selbstzweck bleiben, kein persönliches, nach Innen gerichtetes Anliegen. Ein offenes Herz und ein ruhiger Geist streben aus Mitgefühl heraus danach in der Welt aktiv zu werden. Sie sind stark genug sich dem Schmerz und dem Leiden anderer zuzuwenden, hinzusehen und sich zu fragen wie Hilfe geschehen kann.

    Christopher Titmuss hat vor 25 Jahren in Bodh Gaya eine Schule für die Kinder aus den ärmsten Familien gegründet. Diese Schule hat inzwischen 600 Schüler aus allen religiösen Gruppen. Neben den klassischen Schulfächern wird dort auch Meditation, Tanz und Gesang angeboten, um eine möglichst ganzheitliche Bildung zu gewährleisten. Die Kinder lernen andere Religionen und Ansichten kennen und tragen damit zum Frieden und Verständnis in der Region bei. Die Schule wird von einer katholischen Nonne geleitet und finanziert sich allein über Spenden aus aller Welt.
    Diese Schule werden wir besuchen, werden dort Interviews führen, Videos machen und dem jährlichen Organisationstreffen von Schulleitung und Spendengebern beiwohnen. In den Monaten nach meinem Besuch möchte ich alle Eindrücke und das dort gewonnene Material nutzen, um auf dieses ganz wunderbare Projekt aufmerksam zu machen und vielleicht einen Teil dazu beitragen, dass die Arbeit dort fortgeführt werden kann.
    Indien ist für mich also ein ganz persönliches Erlebnis. Ein Ausbrechen aus dem Alltag. Ein sich Hinwenden zu meditativer Tiefe und Einsicht. Aber auch ein Öffnen des Herzens für eine ganz andere Welt, einen ganz anderen Alltag. Meine Erlebnisse und Eindrücke möchte ich teilen, in der Hoffnung, dass sie euch für euren ganz eigenen Weg inspirieren.